A07_Das Gesetz der erforderlichen Varietät — warum man komplexe Systeme nie ganz kontrolliert

Nur Varietät kann Varietät absorbieren. Wer einem komplexen System mit zu einfachen Mitteln gegenübertritt, scheitert nicht aus Ungeschick — sondern aus einem fast mathematischen Grund.


Der Torwart und das Gesetz

Varietät ist die Zahl der unterscheidbaren Zustände, die ein System einnehmen kann. Solange man ein System nur betrachtet, ist das eine bloße Zahl. Interessant wird sie in dem Moment, in dem man mit dem System umgehen muss. Stellen wir uns einen Torwart beim Elfmeter vor. Der Schütze kann den Ball auf viele Arten treten — links unten, rechts oben, flach, hoch, in die Mitte, scharf, geschnitten. Das ist seine Varietät. Und der Torwart? Beherrscht er nur eine einzige Bewegung — wirft er sich immer nach links —, dann hat der Schütze ein leichtes Spiel: Er muss nur irgendwo anders hinschießen. Damit der Torwart überhaupt eine Chance hat, muss er der Varietät des Schützen etwas Gleichwertiges entgegensetzen können — ein Repertoire, das groß genug ist, um auf jeden Schuss eine Antwort zu haben.

Genau das ist der Kern eines der tiefsten Gesetze der gesamten Systemtheorie. Es stammt von dem Kybernetiker Ross Ashby, und es lautet, auf die kürzeste Formel gebracht: Nur Varietät kann Varietät absorbieren. Diesen einen Satz lohnt es sich zu behalten — er ist das ganze Gesetz. Wer ein System beherrschen, regeln, beantworten will, braucht selbst mindestens so viel Varietät wie das System, dem er gegenübersteht. Hat er weniger, dann gibt es Zustände, auf die er keine Antwort hat — und genau die brechen durch. Man nennt es das Gesetz der erforderlichen Varietät: Die Varietät des Reglers muss der Varietät des Geregelten gewachsen sein. Sonst ist Kontrolle unmöglich — nicht aus Ungeschick, sondern aus einem fast mathematischen Grund.

Was fehlt, lässt sich nicht ersetzen

Man kann es sich als ein Spiel denken. Das System macht einen Zug — eine Störung, eine Lage, einen Zustand. Der Regler muss antworten, um irgendetwas Wichtiges in Grenzen zu halten. Hat das System zehn mögliche Züge, der Regler aber nur drei Antworten, dann gibt es sieben Lagen, in denen er nichts ausrichten kann. In diesen sieben Fällen geht die Störung durch, ganz gleich, wie schnell oder wie klug er reagiert. Die fehlende Varietät lässt sich durch nichts ersetzen — nicht durch Anstrengung, nicht durch Tempo, nicht durch guten Willen. Was an Varietät fehlt, bleibt als Loch in der Kontrolle. Das klingt hart. Es ist hart.

Das Immunsystem als Antwort der Natur

Die Natur kennt dieses Gesetz und hat eine atemberaubende Antwort darauf gefunden. Denken wir an das Immunsystem. Krankheitserreger haben eine gewaltige Varietät — sie verändern sich, mutieren, treten in unzähligen Formen auf. Ein Immunsystem mit nur einer Handvoll Abwehrstoffe wäre hoffnungslos verloren. Also tut der Körper das Einzige, was hilft: Er erzeugt selbst eine ungeheure Varietät, Millionen verschiedener Antikörper, um der Vielfalt der Erreger eine eigene Vielfalt entgegenzustellen. Wo seine Varietät reicht, gewinnt er. Wo sie nicht reicht — bei einem neuen, unbekannten Erreger —, kommt die Krankheit durch. Das Immunsystem ist das Gesetz der erforderlichen Varietät, in Fleisch und Blut.

Zwei Auswege

Und jetzt kommt der praktisch wichtigste Teil, denn das Gesetz lässt einem genau zwei Auswege, wenn die eigene Varietät zu klein ist. Der erste ist der offensichtliche: die eigene Varietät vergrößern. Mehr Antworten lernen, beweglicher werden, das Repertoire ausbauen — so wie der Torwart, der trainiert, in jede Ecke zu kommen. Der zweite Ausweg ist subtiler und wird meist übersehen: die Varietät des Systems verkleinern. Man muss nicht auf alles antworten können, wenn man dafür sorgt, dass weniger passieren kann. Ein Torwart verkürzt den Winkel; eine Fabrik standardisiert, damit nicht tausend Sonderfälle entstehen; ein Unternehmen baut Puffer und Regeln, die die Zahl der möglichen Lagen von vornherein begrenzen. Fast jede funktionierende Kontrolle ist eine Mischung aus beidem: das eigene Repertoire vergrößern und zugleich die Vielfalt dessen verkleinern, worauf man überhaupt reagieren muss.

Warum Kontrolle scheitert

Und damit sind wir bei der unbequemen Konsequenz, auf die dieses ganze Gesetz hinausläuft. Es gibt Systeme, deren Varietät so groß ist, dass kein Regler ihr je gewachsen sein kann — gleich, wie sehr er sein Repertoire aufbläht, gleich, wie sehr er zu vereinfachen versucht. Ein Markt, eine Gesellschaft, ein Ökosystem, ein anderer Mensch: Ihre Varietät übersteigt alles, was ein einzelner Regler aufbringen kann. Solche Systeme lassen sich nicht beherrschen. Man kann sie nur beantworten, begleiten, mit ihnen mitlaufen — aber nie vollständig kontrollieren. Und jetzt versteht man, warum so viele Versuche, komplexe Systeme zu steuern, scheitern: nicht aus Mangel an Mühe, sondern aus einem Varietäts-Defizit. Jemand tritt einem hochvariablen System mit zu wenigen, zu einfachen Mitteln gegenüber — ein paar Kennzahlen, ein paar Regeln — und wundert sich, dass es ihm ständig entgleitet. Es konnte gar nicht anders sein. Die fehlende Varietät war von Anfang an das Loch, durch das ihm die Wirklichkeit entwischt ist.