Was ist ein System?
Ein System ist kein Ding, das man in der Welt vorfindet. Es ist eine Entscheidung des Beobachters — und das verändert, wie man auf fast alles schaut.
Der Sprung zwischen Sandkorn und Sanduhr
Ist ein Stein ein System? Die meisten antworten sofort: nein. Ist ein Sandkorn ein System? Auch nein — ein Sandkorn ist im Grunde nur ein sehr kleiner Stein. Ist ein Sandhaufen ein System? Hier wird man unsicher; man kann mit guten Gründen nein sagen. Und jetzt nehmen wir genau diesen Sand, füllen ihn in eine Sanduhr, drehen sie um und messen damit die Zeit — ist er jetzt ein System? Die Antwort ist ein klares Ja. Und die eigentlich interessante Frage steckt im Sprung dazwischen: Warum? Warum ist derselbe Sand, der eben noch keines war, plötzlich ein System?
Die Antwort führt zu einer Behauptung, die zunächst radikal klingt: Ein System ist nichts, das man in der Welt vorfindet, wie man einen Stein vorfindet. Ein System ist kein Naturgesetz. Es ist eine Modellbildung im Kopf — eine Entscheidung des Beobachters. Wir selbst legen fest, was wir als System ansehen und was nicht. Der Sand ändert sich nicht. Was sich ändert, ist unser Blick auf ihn.
Die vier Komponenten
Um das genau zu sehen, brauchen wir vier Begriffe. Jedes System, das wir betrachten, beschreiben wir über vier Komponenten. Erstens die Elemente — die Bausteine, aus denen es besteht. Zweitens die Beziehungen zwischen diesen Elementen — wie sie aufeinander wirken. Drittens die Funktion — die Aufgabe, die das System erfüllt. Und viertens die Systemgrenze — eine Hülle, die das Innen vom Außen trennt. Über diese Grenze steht das System mit seiner Umwelt in Austausch: Es gehen Inputs hinein und Outputs hinaus, und zwar immer in drei Formen — Energie, Material und Information.
Halten wir das an der Sanduhr durch. Die Elemente sind die einzelnen Sandkörner. Die Beziehung ist ihre Wechselwirkung beim Durchfallen — wie die oberen auf die unteren drücken, wie sie sich durch die Engstelle quetschen, aneinander reiben. Die Funktion ist das Messen der Zeit. Und die Grenze ist das Glas, durch das wir hindurchblicken. Und jetzt sieht man, woran der Sprung von vorhin hängt. Die Elemente und ihre Beziehungen — der Sand, das Durchrieseln — die waren im losen Haufen schon da. Was beim Haufen fehlte und bei der Sanduhr hinzukommt, sind die anderen beiden: Funktion und Grenze. Und beide liegen nicht im Sand. Sie werden von uns hinzugefügt. Wir bestimmen, dass das Glas die Grenze ist, und wir bestimmen, dass das Ganze die Zeit messen soll. Systemhaftigkeit wird verliehen, nicht gefunden. Das ist der Punkt, auf den alles Weitere aufbaut.
Derselbe Körper, drei verschiedene Systeme
Und wenn das stimmt — wenn wir es sind, die ein System aus der Welt herausschneiden —, dann folgt daraus etwas Merkwürdiges: Ein und dieselbe Wirklichkeit kann viele verschiedene Systeme sein, je nachdem, welche Frage wir an sie stellen. Nehmen wir einen Menschen. Ein Arzt, der dem Blut folgt, sieht ein Kreislaufsystem — Herz, Adern, Druck. Ein Neurologe sieht im selben Körper ein anderes System — Nerven, Signale, Reize. Ein Ernährungsmediziner sieht ein drittes. Derselbe Körper, dieselben Zellen, dieselbe Wirklichkeit — und trotzdem drei verschiedene Systeme. Welches man sieht, hängt nicht vom Körper ab. Es hängt von der Grenze ab, die man zieht, und von der Frage, mit der man kommt. Das System ist nicht im Ding. Es ist in der Begegnung zwischen dem Ding und dem, der hinschaut.
Diese Wahlfreiheit reicht noch tiefer, bis hinunter zu der Frage, was überhaupt ein Element ist. Stellt man drei Menschen die Frage, woraus ein Mensch besteht, bekommt man drei Antworten. Der Erste sagt: aus Organen — Herz, Lunge, Gehirn. Der Zweite widerspricht: nein, die kleinsten Bausteine sind die Zellen. Der Dritte: nein, die Atome. Und alle drei haben recht. Keiner irrt sich. Sie haben nur eine andere Abstraktionsebene gewählt, eine andere Auflösung, mit der sie hineinschauen. Was als Element gilt, ist also keine Tatsache der Natur. Es ist eine Entscheidung. Merken wir uns diesen Gedanken — er trägt die halbe Reihe.
Wahl ohne Willkür
Aber Vorsicht, sonst kippt der Gedanke ins Beliebige. Dass wir die Ebene wählen, heißt nicht, dass die Ebenen erfunden wären. Die Atome stecken tatsächlich in den Zellen, die Zellen in den Organen, die Organe im Körper — diese Schachtelung ist da, ob wir hinschauen oder nicht. Das System bietet uns die Ebenen an; wir suchen uns nur aus, auf welcher wir arbeiten. Das Modell ist unsere Wahl. Aber es ist keine Willkür.
Bertalanffy und die Allgemeine Systemtheorie
Dieser ganze Gedanke — System als Blick, nicht als Ding — ist nicht neu, und er ist auch nicht von mir. Er ist die Grundbewegung einer ganzen Disziplin. Ludwig von Bertalanffy, ein Biologe, ist in den dreißiger Jahren auf etwas Merkwürdiges gestoßen. Dieselbe Denkfigur — Elemente, Beziehungen, eine Grenze nach außen, ein Austausch mit der Umwelt — taucht überall auf. In der Biologie. In der Technik. In der Soziologie. Jedes Mal neu erfunden, jedes Mal mit eigenem Vokabular, und doch jedes Mal dieselbe Figur. Seine Konsequenz war die Allgemeine Systemtheorie: keine Theorie über Zellen oder Maschinen oder Gesellschaften, sondern über das, was ihnen allen als Systemen gemeinsam ist.
Die Brille, nicht der Stoff
Und jetzt schließt sich der Kreis zur Behauptung vom Anfang. Warum taucht dieselbe Figur in so verschiedenen Welten auf? Wäre ein System ein Ding, ein Stoff, eine bestimmte Sorte von Materie — dann hätten eine Zelle und eine Volkswirtschaft nichts miteinander zu tun; die eine ist aus Eiweiß, die andere aus Menschen und Geld. Dass sie trotzdem dieselbe Struktur zeigen, ist nur möglich, weil System kein Stoff ist, sondern eine Brille. Setzt man sie auf, sieht man überall dieselben Muster — in der Zelle, im Markt, im Ökosystem. Nimmt man sie ab, sieht man wieder nur Sand, nur Eiweiß, nur Menschen, die zur Arbeit gehen. Die Systemtheorie ist nicht die Lehre von einer bestimmten Sorte Dinge. Sie ist die Lehre vom systemischen Blick selbst.